Einleitung
Der Name andré previn steht für eine der faszinierendsten Künstlerbiografien des 20. Jahrhunderts. Ob als Komponist in Hollywood, gefeierter Jazzpianist oder Chefdirigent führender Sinfonieorchester – andré previn war ein musikalisches Chamäleon mit einer seltenen Gabe: Er verstand es, künstlerische Welten zu verbinden, ohne dabei an Tiefe zu verlieren. Dieses Porträt beleuchtet die Stationen seines außergewöhnlichen Schaffens, seine stilistische Vielseitigkeit und die bleibende Wirkung auf die Musikwelt.
Frühe Jahre und musikalische Prägung
andré previn wurde 1929 in Berlin geboren und wuchs in einer jüdischen Familie auf, die 1938 vor dem nationalsozialistischen Regime in die USA floh. Früh zeigte sich sein musikalisches Talent – Klavierunterricht, Improvisation und das tiefe Interesse an Harmonik prägten seinen Zugang zur Musik. Bereits als Teenager schrieb andré previn erste Arrangements für Metro-Goldwyn-Mayer (MGM) in Hollywood – ein beispielloser Karrierestart.
Die Flucht aus Deutschland und das Aufwachsen in Kalifornien formten nicht nur seine Persönlichkeit, sondern schufen die Grundlage für seine späteren Grenzgänge zwischen europäischen Traditionen und amerikanischer Moderne.
Die goldenen Jahre in Hollywood
In den 1940er- und 50er-Jahren arbeitete andré previn als musikalischer Leiter und Arrangeur für MGM. Hier komponierte er über 50 Soundtracks, bearbeitete Filmmusiken anderer Komponisten und erhielt vier Oscars für seine Arbeit, unter anderem für Gigi und My Fair Lady.
Seine Fähigkeit, emotionale Tiefe und technische Präzision miteinander zu verbinden, machte andré previn zu einem der gefragtesten Musiker der Traumfabrik. Doch trotz seines Erfolgs blieb er innerlich getrieben von der Suche nach musikalischem Ausdruck jenseits des Filmschemas. Diese Sehnsucht führte ihn zurück zur Konzertbühne – und zur klassischen Musik.
Jazz als persönliche Ausdrucksform
Parallel zu seiner Filmarbeit etablierte sich andré previn als exzellenter Jazzpianist. Seine Trioaufnahmen mit Schlagzeugern wie Shelly Manne oder Bassisten wie Red Mitchell zeigen ein harmonisches Feingefühl, das an die großen Pianisten seiner Zeit erinnert – und doch unverwechselbar blieb.
Jazz war für andré previn mehr als nur ein Stil – er war ein Ventil, eine Gegenwelt zur orchestrierten Präzision Hollywoods. In seinen Improvisationen zeigte sich ein Musiker, der Emotion und Struktur, Freiheit und Form miteinander verschmelzen ließ.
Wechsel zur klassischen Musik – Dirigent und Interpret
In den 1960er-Jahren begann andré previn, sich verstärkt der klassischen Musik zu widmen. Als Chefdirigent des London Symphony Orchestra (LSO) gelang ihm der Übergang vom Jazzpianisten und Filmkomponisten zum ernstzunehmenden Interpreten des großen sinfonischen Repertoires.
Mit dem LSO realisierte andré previn zahlreiche Aufnahmen – insbesondere Werke von Sergej Rachmaninow, Gustav Mahler und Ralph Vaughan Williams –, die ihm internationale Anerkennung einbrachten. Dabei fiel seine Fähigkeit auf, orchestrale Farben mit feiner Durchhörbarkeit zu kombinieren. Seine Interpretationen zeichneten sich durch emotionalen Tiefgang und technisches Feingefühl aus – nie überladen, immer musikalisch fokussiert.
Komponist jenseits des Films
Ab den 1980er-Jahren verlagerte andré previn seinen Fokus zunehmend aufs Komponieren eigener Werke für den Konzertsaal. Seine Kompositionen – darunter Klavierkonzerte, Violinsonaten und Opern wie A Streetcar Named Desire – zeigen einen Stil, der traditionelle Tonalität mit modernen Impulsen verbindet.
Die Musik von andré previn ist nicht avantgardistisch im klassischen Sinn, sondern reflektiert eine humanistische Ästhetik: Melodien stehen im Vordergrund, ergänzt durch harmonische Vielschichtigkeit und rhythmische Klarheit. In einer Zeit, in der viele Komponisten auf komplexe Dissonanz setzten, blieb er der lyrischen Linie treu – ein bewusster Gegenentwurf.
Zusammenarbeit mit Solist:innen und Orchestern
andré previn arbeitete mit zahlreichen Weltklasse-Solist:innen zusammen – darunter Itzhak Perlman, Renée Fleming und Anne-Sophie Mutter, mit der ihn auch eine private Beziehung verband. Als Dirigent war er stets ein Begleiter, kein Dompteur: Er hörte zu, passte sich an und förderte den Dialog zwischen Solist und Orchester.
Auch als Gastdirigent bei den Wiener Philharmonikern, dem Royal Philharmonic Orchestra oder den Berliner Philharmonikern war andré previn hochgeschätzt. Seine Probenarbeit galt als klar, zielgerichtet und kollegial – Eigenschaften, die ihn in einer oft hierarchischen Welt angenehm hervorhoben.
Persönlichkeit und Vermächtnis
andré previn war ein Kosmopolit, ein Grenzgänger – aber immer mit Haltung. Trotz seines Erfolgs blieb er bescheiden und humorvoll, was auch in zahlreichen Interviews und Fernsehauftritten zum Ausdruck kam. Legendär ist seine Zusammenarbeit mit dem britischen Komikerduo Morecambe and Wise, die ihn in der britischen Popkultur unsterblich machte.
Sein künstlerisches Erbe ist breit gefächert: Aufnahmen, Kompositionen, Filmklassiker, Fernsehdokumentationen und Erinnerungen vieler Musiker:innen, die mit ihm arbeiteten. Was bleibt, ist das Bild eines Musikers, der nie stehen blieb und sich nie auf ein Genre festlegen ließ.
Die Bedeutung von andré previn heute
Im Zeitalter der Spezialisierung bleibt andré previn ein Beispiel für musikalische Vielseitigkeit auf höchstem Niveau. Sein Werk ist ein Plädoyer für das Überschreiten stilistischer Grenzen – für Offenheit, Neugier und eine tiefe Liebe zur Musik in all ihren Formen. Ob Klassikliebhaber, Jazzkenner oder Cineast – wer sich mit andré previn beschäftigt, entdeckt stets neue Facetten.
Auch junge Musiker:innen können von ihm lernen: Technische Exzellenz allein reicht nicht aus. Es braucht Persönlichkeit, musikalische Vorstellungskraft und die Fähigkeit zur echten Verbindung mit dem Publikum – all das verkörperte andré previn mit Leichtigkeit.
Fazit
andré previn war mehr als ein Dirigent, Komponist oder Jazzpianist – er war ein musikalischer Erzähler, der Genres überwand und neue Ausdrucksformen fand. Seine Karriere spiegelt die Spannweite eines Jahrhunderts: Migration, Anpassung, Erfolg, Suche, Erneuerung. Wer seine Musik hört, spürt: Hier spricht ein Mensch, der Musik nicht als Beruf, sondern als Sprache verstand – universell, menschlich, lebendig.